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Zentren für Gebrauchtmaterial

Was eine Person nicht mehr braucht, kann für eine andere noch nützlich sein. In Materialzentren werden gebrauchsfähige Materialien gesammelt und weitergegeben. Sie möchten selbst ein Materialzentrum aufbauen? Hier finden Sie Infos zur Planung und Umsetzung – viel Erfolg!

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Materialbörse

In einem Materialzentrum werden Materialien abgegeben und gesammelt, die von den ursprünglichen Besitzer*innen nicht mehr genutzt werden, sich aber für eine Weiterverwendung eignen. Das Materialzentrum fungiert dabei als Drehscheibe zwischen Vor- und Nachnutzer*innen des Materials. Materialspenden kommen sowohl von Unternehmen als auch von Privatpersonen. Die Materialien werden zum Beispiel häufig für Kreativprojekte von Schulen oder Kunstschaffenden verwendet. Materialzentren ermöglichen, dass gebrauchsfähige Materialien weiterverwendet werden anstatt im Abfall zu landen.

Alternative Bezeichnungen für Materialzentren sind z.B. Gebrauchtmaterialzentren, Materiallager, Materialkojen, Materialbörsen etc.

Im Folgenden geht es vor allem um Materialzentren im Sinne einer örtlichen Einrichtung mit festen Räumlichkeiten. Darüber hinaus gibt es auch virtuelle Materialbörsen oder temporäre lokale Aktionen.

Planung und Durchführung

Team

Für den Start eines Materialzentrums ist ein motiviertes Kernteam von mindestens drei Personen empfehlenswert. Bei einem größeren Materialzentrum (z.B. 100 m2, mit eigener Logistik, aktiver Akquise und Vermittlung größerer Materialmengen, regelmäßigen Öffnungszeiten) ist zumindest mit dem Arbeitsaufwand einer Vollzeit-Stelle – aufgeteilt auf mehrere Personen -  zu rechnen. Dabei sind Kompetenzen in Logistik, Materialakquise und Werkstoffkenntnis, Lagerhaltung, Administration, Materialvermittlung und Öffentlichkeitsarbeit im Team von Vorteil. Materialzentrum-Projekte in kleinerem Umfang (weniger Raum, weniger Materialumsatz, stark eingeschränkte Öffnungszeiten) lassen sich auch mit deutlich weniger Aufwand umsetzen. Aber auch diese sollten von mehreren Personen in einem motivierten Kernteam getragen werden. Eine klare Aufgabenaufteilung im Team erleichtert die Arbeit.

Räumlichkeiten

Materialzentren sind in unterschiedlichsten Größen umsetzbar. Bei der Planung der Raumgröße ist aber jedenfalls einzuplanen, dass Raum für die Entgegennahme, Aufbereitung, Lagerung und Präsentation der Materialien benötigt wird. Bei einer gut durchdachten Flächennutzung und einem raumsparenden Regalsystem kann man auf etwa 100m2 Fläche ein sehr vielfältiges Materialsortiment abdecken. Bei kleineren Räumlichkeiten sollte das Sortiment entsprechend eingeschränkt werden. Dass man auch auf sehr wenig Platz bereits ein Materialzentrum betreiben kann, zeigt die Materialkoje in Wien.

Dieses Projekt des „Recycling-Kosmos in Ottakring“ ist in einem etwa 8m2 großen Raum, einer ehemaligen Glücksspielkoje, angesiedelt. Der begrenzte Raum ist für das Projektteam eine Herausforderung und setzt natürlich der Art und Menge an Materialien gewisse Grenzen. Doch selbst auf diesem kleinen Raum sind ein spannendes und abwechslungsreiches Sortiment und ein reger Austausch an Materialien möglich. Das Projekt zeigt, dass sich Materialzentren im Kleinformat fast überall umsetzen lassen und kann als Prototyp bzw. Vorbild für „Mikro-Materialzentren“ gesehen werden.

Die Räumlichkeiten eines Materialzentrums sind idealerweise ebenerdig (falls nicht, dann zumindest mit geräumigem Aufzug). Eine gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, per Fahrrad und zu Fuß ist wichtig, um viele Menschen anzusprechen. Zusätzlich sollte abhängig vom angestrebten Sortiment auch auf Parkmöglichkeiten für PKW und fallweise auch für LKW geachtet werden - vor allem, wenn die An- und Ablieferung von sperrigen Materialien oder größeren Mengen angeboten werden soll.

Die Räume müssen nicht unbedingt beheizt sein, da in der Regel nur eine kurze Aufenthaltsdauer gegeben ist. Das kann deutliche Kosteneinsparungen bei Miete und Betriebskosten bringen. Wenn sich Mitarbeiter*innen länger in den Räumen aufhalten, sollten natürlich zumindest beheizte, abgetrennte Teilbereiche vorgesehen werden.

Die Räume sollten möglichst trocken und mit Wasser- und Stromanschlüssen ausgestattet sein (für Reinigung, Beleuchtung, EDV, etc.). Auch auf barrierefreien Zugang sollte geachtet werden.

Damit ein Materialzentrum möglichst viele Nutzer*innen erreicht, ist es von Vorteil, wenn es vom öffentlichen Raum aus gut sichtbar und einladend gestaltet ist.

Infrastruktur

Ein gutes, stabiles und möglichst raumsparendes Regalsystem kann die Arbeit im Materialzentrum sehr erleichtern. Zusätzlich werden Kisten, Schachteln, Gläser etc. für die sortierte Aufbewahrung benötigt. Dabei kann oft bereits auf Gebrauchtmaterialien zurückgegriffen werden.

Je nach Umfang des Projekts kann eine eigene Transportmöglichkeit zur Abholung von Materialien oder eine Kooperation mit Transportanbietern sinnvoll sein. Dabei sind zum Beispiel auch Kooperationen mit sozialökonomischen Betrieben gut möglich.

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Sortiment

Das Sortiment hängt stark von den räumlichen Möglichkeiten und auch vom Materialangebot der Kooperationspartner*innen ab. Es sollte jedenfalls auf einen abwechslungsreichen Mix an interessanten Materialien geachtet werden. Klassische Produktgruppen in Materialzentren sind z.B.

  • Holzbretter, Latten etc.
  • Stoffe
  • Papier & Karton
  • Theaterdekoration & Requisiten
  • Farben
  • div. Handarbeitsbedarf
  • Büromaterialien
  • Kunststoffrohre
  • Materialien für Heimwerker*innen

Wichtig ist es, die Anforderungen an gespendete Materialien klar zu definieren und zu kommunizieren. Es sollten nur wirklich gebrauchsfähige und saubere Materialien in einer guten Qualität entgegengenommen werden, die sich gut für die Weiterverwendung eignen.

Kein Abfall

Die Entgegennahme von Abfällen sollte unbedingt vermieden werden, da dies einerseits unnötige Kosten und Aufwand verursacht und andererseits besonderer Genehmigungen als Abfallsammler bedarf. Auch aus der Kommunikation nach außen sollte klar hervorkommen, dass keine Abfälle entgegengenommen werden. Für sehr große Materialzentrum-Projekte kann es Sinn machen, auch Materialien aus dem Abfallstrom zu verwerten, wofür allerdings die entsprechenden Genehmigungen für eine Abfallsammler und –behandler-Tätigkeit am Standort eingeholt werden müssen.

Trägerschaft

Ein Materialzentrum braucht eine*n formale*n Träger*in, um Genehmigungen einzuholen, Miete zu bezahlen, Versicherungen abzuschließen und als Ansprechpartner*in für die Behörden. Es kann hilfreich sein, das Materialzentrum unter dem Dach einer bestehenden Organisation (z.B. Verein, Sozialbetrieb, kommunale Einrichtung, Kultureinrichtung, Wirtschaftsbetrieb, etc.) zu starten.

Kosten & Finanzierung

Ein Materialzentrum kann z.B. über folgende Wege finanziert werden:

  • Förderungen (z.B. Abfallvermeidungsförderungen, Kulturförderungen, Förderungen für Grätzlprojekte etc.)
  • Spenden allgemein (z.B. Firmensponsoring)
  • Materialvermittlung auf Spendenbasis
  • Verkauf von Materialien (allgemein oder besondere, ausgewählte Materialien)
  • Mitgliedsbeiträge der Nutzer*innen (als Voraussetzung für Weitergabe der Materialien)
  • Crowdfunding (für Startfinanzierung, nicht für laufenden Betrieb)
  • Betrieb im Rahmen der Grundfinanzierung der jeweiligen Trägerorganisation

Allgemeine Aussagen über die Höhe der Kosten lassen sich nicht treffen, diese können je nach Projektumfang sehr stark variieren.

Haftung / Versicherung

Betreiber*innen von Materialzentren haften für alle Schäden, die durch Vorsatz oder Fahrlässigkeit entstehen. Mit Versicherungen lassen sich die Risiken der Haftung reduzieren. Genauere Informationen zu den verschiedenen Versicherungsvarianten bietet die Broschüre „Kultur veranstalten in Wien“ der IG Kultur im Kapitel „Haftung und Versicherung“. Klären Sie unbedingt auch ab, ob Ihre Versicherung nur Schäden in den eigenen Räumlichkeiten abdeckt, oder auch Schäden, die außerhalb bei der Verwendung weitergegebener Materialien auftreten.

Erfahrungsaustausch

Die wertvollsten Informationen für die Planung bekommt man von Initiativen, die ein ähnliches Projekt bereits umgesetzt haben. Die meisten Initiativen unterstützen gerne neue Projekte mit ihrer Erfahrung! Beispiele für bestehende Projekte sind unter „Leitfäden und Best Practice Beispiele“ aufgelistet.

Laufender Betrieb

Angenommene Materialien müssen dokumentiert, gegebenenfalls gereinigt, gut sortiert und anschließend ansprechend präsentiert werden. Der dafür notwendige Zeitaufwand wird anfangs oft unterschätzt und kann mit einem entsprechend großen Team freiwilliger Helfer*innen besser gemeistert werden. Grob verschmutzte Materialien sollten gar nicht angenommen werden. Wenn das Materialzentrum für Nutzer*innen geöffnet ist, muss immer jemand vom Team vor Ort sein. Die Öffnungszeiten des Materiallagers müssen daher auch nach der Größe und den Möglichkeiten des Teams ausgerichtet werden.

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Bewerbung, Evaluierung & Darstellung der Erfolge

Bewerbung

Für die Bewerbung von Materialzentren eigenen sich verschiedenste Kanäle wie regionale Zeitungen, Social Media, aber auch die persönliche Kommunikation durch Mundpropaganda, auf Straßenfesten und Informationsveranstaltungen. Veranstaltungen im Materialzentrum, wie Workshops, Ausstellungen, Führungen, Tage der offenen Tür, etc. können sehr hilfreich sein, um einen Kreis an Nutzer*innen für das Materialzentrum zu gewinnen.

Eine Zusammenarbeit mit Profis im Bereich Öffentlichkeitsarbeit bzw. deren Einbindung ins Team kann ein großer Vorteil sein.

Will man bestimmte Zielgruppen erreichen, sollte das natürlich auch in der Wahl der Werbekanäle berücksichtigt werden. Auch der persönliche Kontakt zu diesen Zielgruppen ist wichtig. Beispiele für Zielgruppen: Lehrende (insbes. Pädagog*innen für Bildnerische Erziehung und Werkerziehung, Kindergartenpädagog*innen, Volksschullehrer*innen), Kunstschaffende, Designer*innen, Upcycler*innen, DIY-Workshopleiter*innen, etc.

Für die Bewerbung bei potenziellen Materialspender*innen empfiehlt es sich, auch Unternehmensnetzwerke anzusprechen. Ein Bereich, bei dem erfahrungsgemäß viele brauchbare Materialien anfallen, sind Messe-Veranstaltungen.

Evaluierung & Darstellung der Erfolge

Es ist empfehlenswert, von Beginn an ein System zur Dokumentation der Warenströme und anderer Kennzahlen wie z.B. Anzahl der Nutzer*innen, anzulegen. Eine konsequente Dokumentation ermöglicht es, Erfolge darzustellen und Abläufe zu optimieren.

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Weitere Informationen

Leitfäden und Best Practice Beispiele

Leitfäden

  • „Wiederverwendung stärken & Materialkreisläufe schaffen – Gebrauchtmaterialzentren als Baustein kommunaler Ressourcenpolitik“ – kompakter Leitfaden mit hilfreichen Tipps für die Gründung eines Materialzentrums
  • „Put the garbage back to work - Used Material centers as models for sustainable urban development“ – englischsprachiger Leitfaden mit praktischen und strategischen Empfehlungen für die Gründung eines Materialzentrums
  • Einige Empfehlungen wurden einem unveröffentlichten Leitfaden des Recycling-Kosmos in Ottakring zur Gründung eines Materialzentrums entnommen

Beispiele für Materialzentren

  • Materialkoje des Recycling Kosmos in Ottakring (Wien): Materialkoje
  • Materials for the Arts – New York: Mafta
  • Kunst-Stoffe Berlin, Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien: Kunst-Stoffe
  • Material Mafia Berlin: Material Mafia
  • Hanseatische Materialverwaltung (Hamburg): HMV
  • „ReusefulUK“ ist eine gemeinsame Plattform zahlreicher „Scrapstores“ in UK: reuseful
  • SCRAP - San Francisco's Creative Reuse Depot: scrap
  • Reverse Garbage (Australien): Reverse Garbage
  • OFFCUT (Basel, Zürich, Bern, Luzern): offcut
  • La Réserve des arts (Paris): lareservedesarts

Die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Fehlt Ihnen ein wichtiger Link? Dann schreiben Sie uns bitte ein Mail an service@umweltberatung.at

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